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Die evopark News

Experteninterview: Sophia Rödiger (bloXmove)

Sophia Rödiger ist CEO und Mitgründerin von bloXmove. Als Wirtschaftspsychologin und Autorin gestaltet sie seit nun über sieben Jahren Innovations-, Transformations- und Marketingaktivitäten im Bereich der digitalen Mobilität. Zuletzt leitete sie den globalen Startup Hub sowie die globale Transformation bei Daimler Mobility. Dieses Jahr ist sie eine der Finalistinnen des „Digital Female Leader Award“.

Wie war Dein bisheriger Werdegang? Welche Wege haben Dich dorthin gebracht, wo Du heute bist?

Neugier, der Antrieb etwas Neues zu manifestieren und letztendlich kommen wir alle nicht drum rum: die Wege selbst diszipliniert zu gehen. Hier spielen meine Eltern eine große Rolle, die mich als kleiner Vampir und Superman zum Fasching gehen lassen haben und mir mitgaben: „du kannst alles schaffen und sein“. Ich bin in der Wirtschaftspsychologie gestartet und fand immer Schnittstellen sowie Netzwerke zwischen Mensch und Technologie in Organisationen spannend. Das führte mich über sieben Jahre zu Mercedes in die Innovations- und Startup-Abteilungen, in denen ich Brücken zwischen Großkonzern und kleinen Gründer-Teams bauen konnte und wir das Thema „Mobility as a Service“ entwickelten. Ein gravierender „tipping point“ war dann, als ich vor drei Jahren durch eine schwere Krebserkrankung meinen ganzen Lebensplan überdenken und umgestalten musste. Ich bin mit Demut, Lebendigkeit und mehr Risikobereitschaft aus dieser Phase gegangen und weiß um so mehr, das Netzwerk an Freunden, Familie und Mentoren um mich herum zu schätzen – privat wie beruflich.

Ab hier war klar, ich will jetzt gründen, ich möchte nichts mehr aufschieben – und so kam es zum ersten Unternehmen MountainMinds – eine Beratung zwischen Digitalisierung und Achtsamkeit; und dann im letzten Jahr zur Gründung von bloXmove – ein Mobility-Tech-Startup, mit dem wir die Mobilitäts- und Energiesektoren revolutionieren. Durch meinen Werdegang zieht sich das „Brückenbauen“ im Sinne des „social codes“ und „kognitiven Programmierens“.

Was genau macht bloXmove?

Unsere technische Lösung ist eine web3-basierte Netzwerkinfrastruktur für Mobilität und Energie. Hier nutzen wir dezentrale Identitäten, Ethererum smart contracts und eine Corda-basierte B2B-clearing/settlement-Komponente, um jedem Mobilitätspartner wie Bus, Bahn, Scooter, Bike und Taxi einen dezentralen Knoten in der Infrastruktur zu geben.

Was wird dadurch möglich? Wir vernetzen all diese Parteien auf Transaktionslevel im Hintergrund. Keiner verliert seine Kundenschnittstelle, denn bloXmove ist kein App-Anbieter – trotzdem können nun die verschiedenen Parteien in ihren Apps die Services der gewünschten anderen Anbieter abbilden und den eigenen Kunden anbieten – eine Reise von A nach B wird so möglich, ohne dass wir schmerzliche Integrationsprojekte für die EINE SUPER-App starten müssen. Jeder „onboarded“ sich nur ein mal über ein „easy plug in“.

So revolutionieren wir Mobilität, automatisieren die Kommunikation zwischen all den Parteien – und keiner verliert Kunden-Touchpoints an einen Aggregator, wie wir es gerade in Strukturen mit Uber, Free Now und Co sehen. 

Mit den ersten 20 Partnern legen wir los, das Minimum Viable Ecosystem zu etablieren – weg von der Super-App hinzu einer Mobility Service Roaming-Lösung.

Seit wann gibt es bloXmove und was sind Eure größten Erfolge im letzten Jahr?

bloXmove wurde vor genau einem Jahr nach dem erfolgreichen Technologie-Management-Buy-out mit der Mercedes-Benz AG und als unabhängiges Start-up von uns drei Gründern etabliert. Am 31.5.2022 haben wir unser einjähriges Jubiläum.

Der größte Erfolg war das mit Abstand beste Team mit 25 bloXmovern aufzubauen. Stolz sind wir natürlich auch auf die ersten 20 Partnerschaften, von denen bereits die ersten mit TIER, FLIX, 50hertz und der Energy Web Foundation bekannt sind. Vor ein paar Wochen sind wir mit dem ersten „Mobility Roaming Projekt“ in Sachsen live gegangen – hier wird Blockchain in der Schaufensterregion erlebbar für die Studenten, die dann mit ihrem Mobility4all-Wallet zwischen Bahn, Bus, TIER und Mocci-Fahrrad roamen können – aber eben auch mit jeder anderen ihnen schon bekannten App als Einstiegspunkt – das ist das neue und andere an einem dezentralen Mobilitätsraum.

Last but not least sind unsere 40.000 Follower auf den Social-Media-Kanälen eine Superpower, denn die Community bringt uns mit spannenden Businesskontakten, Talenten und Projekten zusammen.

Für viele unserer Leser ist das Thema „Blockchain“ sicherlich Neuland. Was ist „Blockchain“ und warum nutzt Ihr Blockchain-Technologie für Eure Plattform?

Blockchain können wir uns vorstellen wie ein Netzwerk an Knoten – jeder User, in unserem Fall die Mobilitätsunternehmen, repräsentiert einen solchen Knoten. Wir bauen neue, automatisierte Verbindungen zwischen den Parteien. Diese Knotenstruktur führt dazu, dass jeder zu jeder Zeit weiß, dass eine Transaktion in dem Netzwerk erfolgt ist. Das heißt, die Parteien teilen sich ein Nebenbuch. In den Blöcken werden nun die Transaktionen verschlüsselt dokumentiert.

Stell dir nun eine multi-modale Reisekette vor: du steigst in Stuttgart ein und buchst über deine lokale Bahn-App den TIER-Scooter zum Bahnhof, das DB Ticket nach Berlin und am Ankunftsort noch ein Taxi sowie erneut einen e-Stepper zum Hotel. Du zahlst nur einmal bei deinem App-Anbieter. Nun muss jede Partei entlang dieser Kette den aufgeteilten Betrag bekommen. Erinnere dich an die vernetze Ledger-Infrastruktur: in Echtzeit, nicht falschbar und verschlüsselt bekommt nun jeder Transport-Operator, der mitgewirkt hat, den Account ausgeglichen.

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Das ist einer der zentralen Gründe, wieso wir dezentrale Technologien wie Blockchain in unseren Anwendungsfällen einsetzen. Es gibt nichts Effizienteres. Weitere Netzwerkeffekte treten ein durch das Beschleunigen im Integrieren neuer Partner*innen, denn jeder muss sich nur einmal in das Netzwerk einklinken.

Das Prinzip der dezentralen Identitäten macht es möglich, dass nicht jedes Mobilitätsunternehmen eine/n Kund*in wieder neu verifizieren muss, wenn es ein anderer Netzwerkpartner bereits getan hat. Das alles senkt Kosten, was vor allem im Mobilitäts-Service-Bereich mit kleinen Margen Schmerzpunkte löst.

Ein letzter entscheidender Punkt ist die Qualität der Dezentralität – wir sagen gern: „stop aggregating, start collaborating“. Warum? Weil beim Aggregieren immer eine Super-App versucht, die Schnittstelle zu allen Kunden und somit Daten zu bekommen, was Macht bringt und somit auch die Gefahr, dass eine Partei am Ende das Ökosystem regiert. Die mittelgroßen bis kleinen Mobilitätsanbieter verlieren zum einen die Kundenschnittstelle und zum anderen Anteile ihres Umsatzes. Das wäre in unserer Mobility-Roaming-Welt nicht mehr notwendig, was eine große Chance vor allem auch für die Verbindung vom privaten und öffentlichen Sektor ist.

Du bist eine der Finalistinnen des „Digital Female Leader Award 2022“. Was bedeutet es für Dich, von anderen Frauen in der Tech- und Mobilitätsbranche gesehen, geschätzt und ausgezeichnet zu werden?

Es ist Motivation pur, denn bei Weitem wird man nicht von allen geschätzt, wenn wir in die Sichtbarkeit gehen und Stimme für ein Thema wie Mobilität und Blockchain erheben.

Sichtbar sein bedeutet immer auch Angriff und Verletzlichkeit zu erleben und auszuhalten. Daher ist es um so schöner auch das positive Feedback zu feiern und zu sehen, dass wir mit dem was bloXmove tut, andere inspirieren. Ich nehme meine Rolle als Mentorin und Networkerin für das Thema #womenintech sowie grundsätzlich mehr Diversität in IT sehr ernst, versuche das Thema Bildung vor allem im blockchain und Krypto-Bereich zu kultivieren und „technology made in Germany“ international als Marke zu positionieren.

Was mich besonders freut, ich wurde von einer Frau für den Digital Female Leader Award nominiert. Und genau hier versuche ich jede und jeden „heforshe“ unter uns zu animieren: empfehlt vor allem eure Frauen-Vorbilder für Bühnen, Interviews und Jobpositionen. Und last but not least – Drückt die Daumen, dass ich den Award 2022 gewinne.

Welche Rolle spielt das Thema „Parken“ Deiner Meinung nach bei Mobilitätsketten?

Das Thema ist essenziell und wird in Zukunft noch viel relevanter, vor allem wenn wir es ernst meinen, dass wir in Städten multi-modale Mobilitätsketten realisieren wollen. Hier muss vor allem die Infrastruktur in Städten mit transformiert werden.

Wir benötigen ausreichend Parkflächen auch für Bikes, Scooter usw. Außerdem müssen wir Parken in Zukunft zusammen mit einer Ladeinfrastruktur denken und Inseln außerhalb der Städte einrichten, von denen aus grüne Anschlussmobilität zur Verfügung stehen muss. In meinen Augen muss und wird das Parken in Zukunft im Ökosystem Mobilität verschmelzen, bestenfalls verliert man eben nicht mehr 30 Minuten, weil man in der Innenstadt nach einer Parklücke sucht, sondern eher wie „Beamen“ wechselt man reibungslos zwischen den Serviceangeboten.

Welche Rolle spielen Privat-PKWs in Eurer Vision der vernetzten Mobilität?

Eine sehr spannende, denn wie unser Holding-Name „Power & Mobility“ verrät, sind wir überzeugt, Mobilität ist in Zukunft nicht mehr ohne erneuerbare Energien zu denken. Das E-Auto wird eine zentrale Netzwerkrolle als fahrender Energiespeicher einnehmen. Wieso? Grüne Energien haben eine Herausforderung. Sie sind weniger flexibel, das heißt, sie können eben nicht einfach auf Knopfdruck an- oder ausgeschaltet werden. An sonnigen Tagen haben wir oft ein Überangebot, das teuer ins Ausland verkauft wird, während wir im Winter Phasen haben, in denen die grüne Energie noch nicht zur Nachfrage passt.

Diese Schwankungen können durch neue Speicherkapazitäten wie die Autobatterien ausbalanciert werden: hierbei kann ein Nissan Leaf mit einer vollen Ladung einen Vier-Kopf-Haushalt für fast fünf Tage autark auslasten. Privat-PKWs können also in Zukunft integraler Bestandteil von Smart-Home-Ökosystemen werden und dabei helfen, unsere Energienetze zu balancieren.

bloXmove ist hier mit Partnern wie 50hertz, Lichtblick, SAP und Energy Web Foundation in vielfältigen Pilotprojekten rund um „Charging“ oder „Vehicle 2 x“.

Auch wenn Ihr kein „Face to the Customer“ habt, wo kann man Eure Lösung bereits heute „nutzen“?

Einen ersten Go Live hatten wir in der Region Sachsen. Hier können die ca. 7.000 Studenten der Universität Mittweida bereits ein Roaming mit mehreren Service-Arten erleben. In Q3 und Q4 werden weitere Go Lives im Ökosystem zu erwarten sein. Am Ende nutzen die Mobilitätsunternehmen unsere bloXmove Infrastruktur und Services. Für den Endnutzer auf der Straße bleiben wir weitergehend unsichtbar als ein „powered by bloXmove“ – so wie evopark.

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bloXmove ist sehr international. In welchen Ländern erkennst Du einen „First Mover“, welche Nationen sind in Sachen Mobilität eher „Follower“?

„First Mover“ sind in unserer Wahrnehmung zum einen die skandinavischen Länder und Staaten, wie auch Afrika – Nigeria, die bestimmte Entwicklungsstufen einfach überspringen. Auch Korea und China investieren mit einer Radikalität in Batterien und grüne Mobilität.

bloXmove hat aus diesem Grund zwei Marktstrategien: zum einen den klassischen Ansatz wie in Deutschland und einen „Emerging Market-Ansatz“ wie wir ihn in Nigeria seit ein paar Wochen testen. Hier sehen wir eine ganz andere Offenheit und technische Affinität, wenn es um die direkte P2P-Interaktion zwischen Fahrern und Nutzern geht. Auch ist die Adaptionsbereitschaft gegenüber digitalen Alternativwährungen größer, weswegen wir hier viel stärker als in zum Beispiel Europa das Thema Tokenisierung aka Crypto spielen.

Follower werden alle die sein, bei denen Mobilitätssysteme existieren, die irgendwie funktionieren und deren Funktion einigen Rollen in dem Netzwerk viele Vorteile oder Profite bringen. Ich hoffe, dass es uns gelingt, in einem Land wie Deutschland, das reich an Ressourcen ist, diesen Technologietrend der dezentralen Netzwerke nicht wieder an andere zu verlieren und uns am Ende zu ärgern, dass all die großen Plattformanbieter den USA oder Asien entspringen.

In den vergangenen Jahren hat sich vieles im Mobilitätssektor verändert. Welche Erfahrungen hast Du im Laufe der Zeit in der Branche gesammelt?

Die Fragmentierung durch die Vielzahl an Partnern nimmt immer mehr zu. Es ist Fluch und Segen zugleich, denn auf der einen Seite bedeutet eine Masse an Mobilitätsparteien, dass unsere dezentrale Netzwerk-Technologie hier genau den richtigen Anwendungsfall findet, auf der anderen Seite müssen wir mit unzähligen, unterschiedlichen Parteien sprechen.

Am Tisch reden die Städte mit, Verbünde, öffentliche Einheiten, private etablierte Anbieter sowie kleine neue Start-ups. Gerade in Deutschland haben wir kleine Fürstentümer in den Städten geschaffen, die ein „Denken im offenen Ökosystem“ sehr schwer machen. Aktuell tut sich unglaublich viel, wir stehen aber noch am Anfang. Der aktuelle Nachdruck auf das Thema Mobilitätswende und Energiewende geben dem ganzen Wandel eine neue Antriebskraft. Große Hoffnung sehen wir in unseren Nachbarn wie den Niederlanden oder Skandinavien – sie öffnen ihre Mobilität, den Ticketverkauf und standardisieren Schnittstellen. Wir hoffen, dass Deutschland sich auch schnell inspirieren lässt.

Aus Eurer Sicht, wie digital ist der Mobilitätssektor bereits heute und was kann/sollte sich verändern?

Auch hier gibt es keine Pauschalaussage. Wir arbeiten mit Firmen wie FLIX, TIER oder Start-ups wie Bondi zusammen, die gänzlich digitale Geschäftsmodelle und plattformbasierte Services am Markt haben – sie wissen genau, wie „digital“ funktioniert und wie man API spricht.

Dann wiederum gibt es viele Traditionsunternehmen wie Bus und Bahn, deren Systemlandschaften keinerlei technische Integration zulassen. Wenn wir allerdings weiterhin Excellisten versenden, wird das mit der Effizienz und Digitalisierung nichts. Ich würde daher auf eine 6 tippen auf einer Skala von 1 „undigital“ bis 10 „digital“. Wir sind allerdings überzeugt, dass große Sprünge in den kommenden Monaten und Jahren gemacht werden, sonst wären wir mit bloXmove nicht hier und da, wo wir sind.

Wir sehen, dass aus allen Richtungen die Bedarfe steigen, wenn es um Mobilität-Budget-Lösungen statt Dienstwagen geht, wenn gefahrene Meilen mit dem CO2-Reporting von Firmen transparent werden und wenn wir neue Rewarding-Systeme denken können, für alle die, die sich grüner fortbewegen.

Immer dann brauchen wir intelligente Datenauswertungen, Digitalisierung und am besten Blockchain für das fälschungssichere Dokumentieren und Abrechnen.

Vielen Dank für den spannenden Einblick in Deine Arbeit und Deine Visionen einer vernetzen Mobilitätswelt von morgen. Wir drücken Dir die Daumen für den „Digital Female Leader Award“!

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